Großkreisbogen (GKB)

Mathematische Geographie auf dem HP 49G
mit Kugelkoordinaten und Vektoren

Die hier verwendete Notation ist in einem gesonderten Beitrag zusammengestellt.

Inhalt

Zur Beitragsübersicht


Einleitung

Jeder ebene Schnitt durch eine Kugel, der durch den Kugelmittelpunkt geht, erzeugt auf der Kugeloberfläche einen Großkreis als Schnittlinie.

Da die Großkreise geodätische Linien sind und die kürzesten Verbindungen auf der Kugel darstellen, werden.Entfernungen auf der Erdkugel auf Großkreisen gemessen. Großkreise werden Orthodrome genannt. Die "Luftlinie" ist (genaugenommen) keine gerade Linie, sondern ein Teil eines Großkreisbogens.

Um auf dem kürzesten Weg vom Ort A zum Ort B auf der Erde zu kommen, muß man sich auf einem Großkreis bewegen. Falls man sich in Nord-Süd-Richtung bewegt, sind die Großkreise mit den Längengraden (Meridiane) identisch. Sobald man sich aber in anderen Richtungen auf einem Großkreis bewegt, ist der Kurswinkel bezogen auf die Nordrichtung an jedem Punkt des Weges unterschiedlich. Kurswinkel sind die Winkel gegen den Meridian.

Die Großkreis-Navigation ist für den Flugbetrieb eine wichtige Angelegenheit, weil damit kürzeste Flugverbindungen realisiert werden können. Zum Beispiel die Pol-Routen von Moskau am Nordpol vorbei nach San Franciso oder von Südamerika nach Australien am Südpol vorbei.

Ein Kompaß zeigt (in etwa) die Nordrichtung, also die Richtung der Meridiane (genaugenommen die Richtung vom magnetischen Südpol zum magnetischen Nordpol). Ein Flugzeug auf einem Großkreis kann keinen Kompaßkurs verwenden, weil der Kurswinkel sich laufend ändert. Mit einer um einen Globus gelegten Schnur kann man das zuhause leicht selbst feststellen. Der Winkel der Schnur zur Nordrichtung ist bei jedem Längengrad anders.

Der Vorteil für ein Schiff oder ein Flugzeug, das sich längs einer Orthodrome (auf einem Großkreis) bewegt, in kürzester Zeit das Ziel zu erreichen, schließt den Nachteil ein, den Kurswinkel in jedem Augenblick ändern zu müssen.

Da diese Großkreis-Navigation mit dem Kompaß allein und ohne spezielle Berechnungshilfsmittel kaum möglich ist, kann der Pilot eine andere Navigation benutzen und immer im gleichen Kurswinkel gegenüber der Nordrichtung nach Kompaß fliegen. Eine Kurve, die alle Meridiane im gleichen Kurswinkel schneidet, wird Loxodrome genannt. Zum Beispiel ist ein Breitenkreis kein Großkreis, sondern eine Loxodrome für den Kurswinkel 90° (Sonderfall). Weicht der Kurswinkel von 90° ab, ergeben sich Spiralen mit den Grenzpunkten Nord- und Südpol (an die man beliebig nahe herankommen, aber sie theoretisch nie erreichen kann). Im zweiten Sonderfall einer Loxodrome mit Kurswinkel 0° bewegt man sich auf dem Meridian (Großkreis). Loxodromen werden hier nicht behandelt, obwohl deren Berechnung auch eine dankbare Aufgabe für den HP 49G als Navigationshilfe wäre.

In diesem Beitrag soll gezeigt werden, wie die Länge eines Großkreisbogens zwischen zwei Orten, deren geographische Lage genau bekannt ist, und die Kurswinkel für die Meridiane des Start- und Zielpunkts mit dem HP 49G über Kugelkoordinaten und Vektoren berechnet werden. Ein entsprechendes HP49-Programm GKB wird zum Herunterladen angeboten.

 

Die Formeln für den Großkreisbogen

Die Erde ist keine genaue Kugel, sondern ein Geoid. Wer die Entfernung zweier Punkte auf der Erdoberfläche ganz genau rechnen will, muß die Abplattung der Erde und die Höhe der Punkte über dem Meeresspiegel in die Rechnung einbeziehen.

Bei den nachfolgenden Berechnungen wird die Erde als Kugel mit einem mittleren Radius von 6371 km betrachtet und die Abplattung und Höhenlage vernachlässigt.

Die Formel für den Großkreisbogen ergibt sich aus einem sphärischen Dreieck (Kugeldreieck) auf der Erdoberfläche, das durch die beiden gewünschten Punkte und den Nordpol bestimmt ist (Polardreieck).

Begriffe und Bezeichnungen

Bild 1: Sphärisches Dreieck mit BezeichnungenBeim Polardreieck (siehe Bild rechts) gelten:

  1. NP als Eckpunkt am Nordpol

  2. P1 als Eckpunkt mit der geographischen Länge L1 und der geographischen Breite B1,

  3. P2 als Eckpunkt mit der geographischen Länge L2 und der geographischen Breite B2,

  4. den Bogen des Meridians vom NP zu P1 als Seite b1 (als Winkel),

  5. den zu berechnenden Großkreisbogen zwischen den beiden Punkten P1 und P2 als Dreieckseite b (als Winkel) und

  6. den Bogen des Meridians vom P2 zum NP als Seite b2 (als Winkel).

  7. Der Winkel dL ist die Winkeldifferenz zwischen den beiden Meridianen am Nordpol NP (Differenz der Längengrade).

Zu beachten ist, daß die Seitenlängen im sphärischen Dreieck als Winkel angegeben werden. Die tatsächlichen Bogenlängen der Seiten können über den Kugelradius jederzeit berechnet werden.

Nun noch der Bezug zu den Längen- und Breitengraden festgelegt werden.

dL = L2 - L1
b1
= 90° - B1
b2
= 90° - B2
wobei P2 östlich von P1 liegen muß.

Dabei gilt folgende Vorzeichenregelung:

L1 und L2 = geographische Länge

B1 und B2 = geographische Breite

 

Formeln der sphärischen Trigonometrie

Für das sphärische Dreieck NP_P1_P2 lautet der Seitenkosinussatz:

cos b1 = cos b · cos b2 + sin b · sin b2 · cos k2

cos b = cos b1 · cos b2 + sin b1 · sin b2 · cos dL

cos b2 = cos b1 · cos b + sin b1 · sin b · cos k1

Formel 1a

Formel 1b

Formel 1c

Die Winkel k1 und k2 sind die Kurswinkel (bezogen auf die Nordrichtung) in den Punkten P1 und P2, sie ergeben sich durch Umstellung der Formeln 1a und 1c bei bekanntem cos b.

cos k1 = (cos b2 - cos b1 · cos b) / (sin b1 · sin b)

cos k2 = (cos b1 - cos b · cos b2) / (sin b · sin b2)

Formel 2a

Formel 2b

Mit dem Radius der Erde R = 6371 km (mittlerer Wert) kann die Bogenlänge zwischen den beiden Punkten P1 und P2 aus dem Zentriwinkel b (= ß im Bogenmaß RAD) der (sphärischen) Dreieckseite b berechnet werden:

b = b · R = ß · R Formel 3

Mit diesen Formeln kann man ein einfaches HP49-Programm für den Großkreisbogen erstellen.

 

Rechnen im Kugelkoordinatensystem

Hier soll das Arbeiten mit Vektoren im Kugelkoordinatensystem gezeigt und dabei die Vorteile des HP 49G genutzt werden.

Das Kugelkoordinatensystem hat seinen Nullpunkt (Ursprung) im Kugelmittelpunkt. Zu jedem Punkt des dreidimensionalen Raumes zeigt ein Ortsvektor mit drei Komponenten.

Für einen Punkt auf der Erdkugel gelten für die Kugelkoordinaten:

Komponente 1: Radius 1 als Einheitsradius der Erdkugel.
Komponente 2: geographische Länge vom Greenwich-Meridian nach Osten positiv, nach Westen negativ,
Komponente 3: Winkel von Erdachse ab Nordpol bis zur geographischen Breite des Punktes.

Die Ortsvektoren zu den Punkten P1 und P2 werden als P1 und P2 (mit Unterstrich), deren Komponenten in eckigen Klammern [...] dargestellt.

Mit obigen Bezeichnungen gilt für die Punkte P1 und P2:

P1 = [1, L1, 90°-B1] = [1, L1, b1]

P2 = [1, L2, 90°-B2] = [1, L2, b2]

cos b ergibt sich als Skalarprodukt der beiden Vektoren geteilt durch das Produkt ihrer Beträge. Die Beträge der beiden Vektoren haben den Wert 1, damit gilt

cos b = P1 · P2 (Formel 4)

Daraus ergibt sich mit der arccos-Funktion der Zentriwinkel des gesuchten Großkreisbogens. Die Länge des Bogens b ergibt sich nach Formel 3.

Die Kurswinkel k1 und k2 in den beiden Punkten P1 und P2 ergeben sich aus den Formeln 2a und 2b.

 

Das HP49-Programm Großkreisbogen (GKB)

Das Programm GKB und die nachstehend beschriebenen Zusatzdateien werden als HP49-Verzeichnis GKBDIR angeboten:

Name: GKBDIR
Größe auf dem HP 49G: 2365 Bytes
Checksum: #15212d
Format: ASCII
Translationsmodus T3

Im GKBDIR-Verzeichnis wird folgendes Menü gezeigt:

Bild 2: Programm-Menü GKBDIRBild 2

Erläuterungen zur Programmierung von GKB

Das Programm prüft die Eingaben B1, L1, B2 und L2 und vertauscht die Werte für die Punkte P1 und P2, wenn P2 nicht östlich von P1 liegt. Die Eingaben müssen in Grad (° = degrees) erfolgen, weil die geographischen Lage auch in Grad angegeben wird. Das Programm schaltet mit DEG auf Grad um. Mit SPHERE erfolgt die Umschaltung auf Kugelkoordinaten (Systemflags -15 und -16, siehe Tabelle der Systemflags). Dann wandelt es die Eingabewerte in Vektoren um. Mit dem Vektorbefehl DOT wird das Skalarprodukt berechnet, aus dem cos b ermittelt wird. Der Rest ist Routineprogrammierung.

Hinweis zur Umrechnung von Koordinaten in andere Systeme:

Mit den Koordinatenbefehlen RECT, SPHERE und CYLIN kann man die Werte verschiedener Koordinatensysteme ineinander umrechnen. Diese Befehle stehen im Menü-Nr 4.02 (Befehl: 4.02 MENU), das auch über [leftshift][MTH][VEKTR][NXT] erreichbar ist.

Näheres im Beitrag Koordinatensysteme auf dem HP 49G

 

Eingabe und Ausgabe

Nach Aufruf des Programms GKB ohne vorherige Eingabe von Werten erscheint ein Bildschirm (siehe Bild 3), auf dem Hinweise zur vorzeichenrichtigen Eingabe gegeben werden. Durch Drücken einer beliebigen Taste kann diese Anzeige verlassen werden.

Bild 3: Hinweisbildschirm

Bild 3

Eingaben

Die Werte L1, B1, L2 und B2 sind (in dieser Reihenfolge) in Grad (°) mit Dezimalbruchteilen in den Stack zu stellen. Z.B. wird 25°12' als 25.2° (mit Dezimalpunkt) eingegeben. Die Umrechnung kann durch den Befehl HMS-> aus dem Zeitmenü (Nr. 94.02) erfolgen, über Tastatur [rightshift-hold][TIME][NXT] erreichbar.

Das Programm akzeptiert auch die Variablen L1, B1, L2 und B2 mit den entsprechenden Inhalten. Dies ist von Vorteil, wenn das Programm zusammen mit anderen Programmen eingesetzt werden und deren Ergebnisse übernehmen soll. Tastatureingaben sind dann nicht erforderlich.

Die geographischen Werte für die Orte werden eingegeben oder aus dem KOO-Menü ausgewählt:

Bild 4: Auswahlmenü KOO:
Bild 4: Auswahlmenü KOO
Bild 5: Eingabewerte im Stack:
Bild 5: Eingabewerte im Stack

Nun wird GKB aufgerufen.

Ausgaben

Nach Aufruf erscheint folgende Ausgabe (siehe Bild), die durch Drücken einer beliebigen Taste verlassen werden kann.

Anzeige des Ergebnisses:

  • L1, B1, L2 und B2 werden zur Erinnerung angezeigt.

  • b ist die gesuchte Entfernung der beiden Orte (Bogenlänge) in km.

  • Für den Bogen von P1 nach P2 ist ß der Zentriwinkel dieses Bogens. Zur Unterscheidung der Bogenlänge b vom Zentriwinkel b des gesuchten Bogens wird im Programm der Zentriwinkel mit ß bezeichnet.

  • k1 = Kurswinkel bei P1 Richtung P2.

  • k2 = Kurswinkel bei P2 Richtung P1.

Bild 6: Ergebnisausgabe-Bildschirm

Bild 6

Nach Verlassen dieser Ergebnisanzeige (durch beliebige Taste) findet man folgende Variablen und Menüpunkte im aktuellen Verzeichnis:

Fehlerabfangung

Das Programm prüft die Eingabewerte auf richtigen Zahlentyp und Vorzeichen. Befindet sich der Punkt P2 westlich von P1, so vertauscht das Programm die Punktnummern, um die Werte richtig verwenden zu können.

Falls keine konkreten Werte als Ergebnis möglich sind, wird "**.**" ausgegeben. Das ist z.B. der Fall, wenn die drei Eckpunkte des sphärischen Dreiecks auf einem Großkreis liegen. Gibt man für P1 den Nordpol und für P2 den Südpol an, dann tritt ein solcher Fall ein. Dann gibt es keine Kurswinkel, für k1 und k2 wird jeweils "**.**" ausgegeben, während die anderen Werte (Entfernung, Zentriwinkel) richtig berechnet werden.

Bei Orten, die soweit auseinanderliegen, daß die Differenz der Längengrade > 180° beträgt, ist die Bogenlänge "hinten herum" kürzer als die vom westlichen Punkt P1 über den Nullmeridian zum östlichen Punkt P2. Das Programm erkennt dies und rechnet die kürzere Entfernung und die richtigen Kurswinkel. Hier waren keine Programmiertricks erforderlich, die Mathematik in den Formeln ist selbst so schlau, dies zu erkennen. Lediglich die Richtung zum jeweils anderen Punkt (nach links oder rechts) ist dann vertauscht.

Beispiel:

Zwei Positionen nahe der Datumsgrenze:
L1 = -175°, B1 = 5°
L2 = 175°, B2 = -5°

Ergebnis: P2 liegt links von P1. Der Winkel k2 ist rechts und der Winkel k1 links von der Nordrichtung zu wählen.

Bild 7: Ergebnis für extreme Positionen

Bild 7

 


Zum Beginn des Beitrags
Zur Beitragsübersicht

Copyright © 2002 Otto Praxl
Alle Rechte vorbehalten!